Bezirksverband der Kleingärtner Berlin-Wilmersdorf e. V.

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Verfasst am 12.03.2020 um 11:00 Uhr

Gärtnern wirkt gegen die Umweltkrise   

Nachbericht zum 17. Fachforum des Landesverbandes am 19. Januar 2020: 

Was Kleingärten bei Klimaschutz, Artenvielfalt und Umweltbildung für die Stadt tun können   

Beim 17. Fachforum im CityCube der Messe Berlin.

Es hätte die Losung des Tages sein können: „Alles, was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand.“ In gelben Großbuchstaben steht dieses Zitat von Charles Darwin auf der Rückseite der alten Avus-Tribüne. Direkt gegenüber, im City Cube an der Messe, veranstaltete der Landesverband der Gartenfreunde während der Grünen Woche sein 17. Fachforum. Die Beschriftung hatte er nicht bestellt, doch sie passte gut.


Was gegen die Natur ist: Klimakrise, Umweltzerstörung und die negativen Folgen für unsere Stadt, dies war der Ausgangspunkt der Veranstaltung. Es ging dabei aber nicht um düstere Szenarien, sondern um die Frage: Wie können die Berliner Kleingärtnerinnen und Kleingärtner helfen, ökologisches Unheil abzuwenden, wie können sie „Teil der Lösung“ werden, und das in den verschiedensten Bereichen.


Breites Spektrum an Themen und Gästen
So spannte das Fachforum einen weiten Bogen über viele Aspekte des Kleingartenwesens: Von der Bedeutung der Laubenpieper für die Stadt und konkreten Perspektiven zur Sicherung ihrer Anlagen über ihre Rolle in der Umweltbildung bis zum Artenschutz und zur Biodiversität wurden verschiedene Schwerpunkte angesprochen. Rund 260 Teilnehmer aus dem Kleingartenwesen, aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und von Umweltorganisationen, waren am 19. Januar im City Cube erschienen, und viele meldeten sich mit Fragen und Diskussionsbeiträgen
zu Wort.


Verbandspräsident Michael Matthei begrüßte neben den Referenten und den Funktionsträgern aus dem Landes- und Bundesverband und den Bezirksverbänden insbesondere Dr. Turgut Altug und Marion Platta, die umweltpolitischen Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen und der Linken in Berlin, sowie Andreas Kugler, den stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus.


"Wie weit kann die Verdichtung von Berlin getrieben werden?" fragte Michael Matthei, Präsident des Landesverbandes Berlin der Gartenfreunde e. V., in seiner Eröffnungsrede. 

Klimanotstand und Umweltzerstörung

„Wir leben in einer ungeheuren Zeit des Klimanotstands.“ Eindringlich und emotional schilderte Matthei zu Beginn des Fachforums den Ernst der Lage. „Wir begehen offenen Auges Selbstmord auf dieser Welt“, mahnte er, „die Grundlagen unserer Existenz sind immer mehr in Gefahr.“ Er benannte die Faktoren, die weltweit zum Raubbau an der Natur beitragen: hemmungsloser Konsum, extensive Landwirtschaft , Landflucht und Verdichtung der Städte.


Die Folgen seien auch in Berlin spürbar – und gerade in den Kleingärten. „Wir, die wir mit den Händen jeden Tag im Boden sind, erleben das hautnah“, so Matthei. Zunehmende Hitze, Trockenheit und andererseits immer häufigere Unwetter machten den Pächtern zu schaffen. Wie unmittelbar sie vom Klimawandel betroffen seien, habe man etwa bei dem Starkregen 2017 erlebt. „In Charlottenburg hatten wir damals 300.000 Euro Schaden.“


Ein Schritt in die richtige Richtung sei deshalb die Ausrufung der Klimanotlage, lobte Matthei die Verantwortlichen in der Berliner Politik. Er forderte aber auch, die Grünflächen vor der Profitgier der Wohnungswirtschaft zu schützen. Man müsse darüber nachdenken, wie weit die Verdichtung der Stadt getrieben werden könne, sagte Matthei und stellte die Frage in den Raum: „Wie viel Mensch verträgt eigentlich ein Quadratmeter Boden?“


Ein Grüner als Fan der Kleingärtner
Die Grünen und die Kleingärtner pflegen traditionell nicht gerade ein inniges Verhältnis. Doch Werner Graf, Landesvorsitzender der Grünen, betonte in seinem Referat, dass man durchaus ähnliche Ziele habe. „Vor Ihnen steht ein Fan der Scholle“, erklärte er augenzwinkernd, auch wenn er selbst keinen eigenen Garten habe. Politisch könne man aber am selben Strang ziehen: „Wir wollen, dass es auch im Großstadtdschungel genügend grüne Oasen gibt, die nicht plattgemacht und nicht zubetoniert, sondern dauerhaft geschützt werden.“


Werner Graf, Landesvorsitzender der Grünen in Berlin: "„Wir wollen, dass esl genügend grüne Oasen gibt, die nicht plattgemacht und nicht zubetoniert, sondern dauerhaft geschützt werden.“

Solche grünen Oasen seien gerade die Kleingärten, sie seien die artenreichsten und ökologisch vielfältigsten Flächen in der Stadt und trügen zur Kühlung und Wasserspeicherung bei. Deshalb erklärte der Grünen-Politiker: „Die dauerhaft e Sicherung von Kleingärten ist aktiver Klimaschutz.“


Grün ist kein Potenzial für Wohnungsbau

Graf ging auch auf die Konkurrenz zwischen Wohnungsbau und Kleingärten ein. „Es gibt in Berlin noch so viele Brachen, so viele Betonwüsten, so viel Nachverdichtungspotenzial, so viel Potenzial, auf Baumärkten und Supermärkten, ja sogar auf Schulen zu bauen – da müssen die Wohnungen hin, und nicht auf die Grünflächen“, wetterte der Grünen-Politiker. Und er ergänzte: „Kleingärten sind kein Potenzial für Wohnungsbau – das ist eine klar abgestimmte Position der Grünen.“


In der aktuellen Debatte um die Kleingartensicherung stellte er bereits die erneute Verlängerung der Schutzfristen um zehn Jahre als Erfolg dar. Er machte aber auch klar: „Uns reichen diese zehn Jahre nicht aus.“ Seine Partei setze sich für eine dauerhafte Sicherung ein und sogar für neue Parzellen. „Wenn Berlin weiterwächst, dann ist unser Anspruch, dass auch das Grün wächst. Und das heißt auch, dass Kleingärten weiterwachsen müssen.“


Würdigung des Engagements in der Stadt

Zugleich appellierte Graf an die Gartenfreunde, ihr grünes Engagement für die Stadt weiter zu verstärken. Ausdrücklich dankte er dem Landesverband für seinen Einsatz in Sachen Artenvielfalt und Pestizidfreiheit. „Werden Sie noch mehr zu Schützerinnen und Schützern der Artenvielfalt, der Natur“, sagte er. Damit könnten die Kleingärtner auch mehr Akzeptanz für ihre Erhaltung erreichen. „Wir werden eine gesellschaftliche Mehrheit nur hinbekommen, wenn die Kleingärten sich dauerhaft öffnen und viel mehr Kooperationen mit der Gesellschaft eingehen.“


Die Teilnehmer forderten von dem Grünen klarere Zusagen für die dauerhafte Sicherung der Kleingärten. Landesverbands-Vize Dr. Norbert Franke beklagte: „Die Kleingärtner haben schon 25 Jahre in Unsicherheit gelebt, und jetzt sollen wir wieder zehn Jahre in Unsicherheit leben.“ Er wies darauf hin, dass mittlerweile fast alle Parteien in Berlin sich zur dauerhaften Erhaltung der Kleingärten bekannt hätten und regte daher einen interfraktionellen Beschluss dazu an.


Mit Lernorten der Gartenfreunde grünes Wissen an die nächsten Generationen weitergeben: Isabell Simonsmeier der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie unterstützt außerschulische Bildungsangebote. 

Viele Kinder kennen keine Gärten

Als engagierte Grünaktivistin mit eigenem Kleingarten entpuppte sich die nächste Rednerin: Isabell Simonsmeier ist in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Referentin für die Gartenarbeitsschulen, zugleich sitzt sie im Landeskleingartenbeirat der Umweltverwaltung. Und auf der eigenen Parzelle baut sie unter anderem Rote Bete und Gurken an – das eine mit mäßigem Erfolg, wie sie fotografisch belegte, das andere mit so überreicher Ernte, dass sie die Nachbarn mitversorgen kann.


Grüne Lernorte schaffen 

Im Amt aber arbeitet Simonsmeier daran, Stadtkindern die Natur nahezubringen. Mit 15 Gartenarbeitsschulen, die seit 2016 auch im Schulgesetz verankert sind, hat Berlin in dieser Hinsicht zwar schon ein umfangreiches Angebot – 200.000 Teilnehmer werden jährlich damit erreicht. Doch Simonsmeier sieht nichtsdestotrotz immer noch eine große Grünlücke bei Grund- und Vorschulkindern: „Wir haben in dieser Stadt 375.000 Kinder, von denen viele gar nicht wissen, was ein Garten ist.“ Und diese Lücke, meinte sie, können die Kleingärtner stopfen helfen. Viele Vereine sind in der Umweltbildung schon aktiv, wie Simonsmeier feststellte: Ob mit Lerngärten oder Lehrpfaden, ob in Kooperationen mit Schulen, Kindergärten und Kitas, ob durch Klimaschaugärten, Mitmachgärten oder Obstbaumpatenschaften – Gartenfreunde geben ihr grünes Wissen an die nächsten Generationen weiter.


Kontakte zu Schulen und Kitas

Viele tun es aber auch noch nicht: Selbst wenn sie Interesse und gute Ideen dafür haben, sei der Kontakt zu den passenden Bildungseinrichtungen nicht immer einfach herzustellen, räumte die Expertin ein. Deshalb gab sie auch gleich praktische Tipps: Zu den Kitas etwa führe der Weg über die Fachberater für Kindertagespflege in den Bezirken oder einfach über den neuen Kita-Navigator im Internet. Bei Schulen sei es schwieriger, Ansprechpartner zu finden. Die entsprechenden Fachlehrer und Regionalkonferenzen aufzuspüren, sei Insider-Wissen, das sie selbst sich habe erarbeiten müssen, erzählte Simonsmeier. Daher bietet sie sich den Kleingartenvereinen als Vermittlerin an.


Es muss kein spektakuläres Angebot sein

Simonsmeier ermutigte die Gartenfreunde: „Es muss gar nicht immer ein spektakuläres Angebot sein – allein, dass Sie so schöne Gärten haben, ist schon Angebot genug.“ Auch für die Erwachsenenbildung gab sie Anregungen, etwa mit den Volkshochschulen zu kooperieren oder mit dem Buchhändler um die Ecke, der seine nächste Lesung in einem Garten veranstalten könnte. Landesverbands-Vize Dr. Franke, der mit dem Thema Bildung und der Kooperation mit Schulen und Kitas betraut ist, machte einen Vorschlag an die Bildungsverwaltung, wie mehr Kinder in die Gärten gebracht werden können: Von den jährlich vorgesehen Wandertagen sollten mindestens zwei ins Grüne führen.


Umweltbildung anbieten
Kleingartenvereine, die mit Schulen, Kitas und anderen Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten möchten, können sich an Isabell Simonsmeier bei der Bildungsverwaltung des Senats richten:

  • Isabell Simonsmeier
  • E-Mail: isabell.simonsmeier@senbjf.berlin.de
  • Telefon: 030/902 27 52 49

Nahe gelegene Kitas lassen sich auch über den neuen Kita-Navigator des Senats finden: www.kita-navigator.berlin.de


Auf dem 17. Fachforum (v.l.n.r): Dr. N. Franke, S. Wachtmann, W. Graf, H. Henneberg, I. Simonsmeier, Dr. C. Saure, M. Platta, M. Hopp. und M. Matthei. 

Viele Wildbienen sind gefährdet

Einen ganz anderen Blick auf das Stadtgrün warf Dr. Christoph Saure in seinem Vortrag. Der Wissenschaftler vom Büro für tierökologische Studien berichtete über die Wildbienen in Berlin, und dabei wurde auch Laien schlagartig deutlich: Die Erhaltung der Artenvielfalt ist eine äußerst komplexe Sache und hängt von vielen Faktoren ab.


324 Wildbienenarten hat Saure bei seinen Untersuchungen in den vergangenen 30 Jahren in Berlin gezählt. Davon seien mittlerweile mindestens 40 Arten ausgestorben, rund 40 % stehen auf der roten Liste der gefährdeten oder bereits ausgestorbenen Arten. Es gibt aber auch Wildbienen, die vom Klimawandel profitieren. Beispielsweise hat der Forscher in den vergangenen Jahren

zwei neue Arten aus dem Mittelmeerraum in Berlin nachgewiesen.


Insgesamt aber schrumpft die Population der Wildbienen, und verantwortlich dafür sind vielerlei Einflüsse: das Verschwinden von brachliegenden Bahngeländen und anderen ökologischen Nischen, die zu heißen und zu trockenen Sommer, die intensive Beweidung von Wiesen durch Schafe – und auch die wachsende Zahl an Honigbienen. 


Die Honigbiene hat nichts mit Naturschutz zu tun

Denn Bienen sind nicht gleich Bienen, machte der Experte deutlich. Der Begriff Bienensterben werde oft auch oder sogar ausschließlich auf die Honigbiene bezogen – irrtümlicherweise. „Der Honigbiene geht es in Berlin sehr gut.“ Die Anzahl der Völker sei seit 2001 um mindestens 64 % angestiegen. Saure schätzt sie für das vergangene Jahr auf etwa 18.000. „Das kann zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten durchaus zu Konkurrenz zu den Wildbienen führen.“ Sprich: Ihnen wird dadurch zum Teil die Nahrung streitig gemacht.


Wildbienen nisten zumeist im Boden

„Die Honigbiene hat nichts mit Naturschutz zu tun“, stellte Saure klar. Und auch für die Bestäubung von Wildpflanzen sei sie nicht unerlässlich. „Das können Wildbienen zum Teil viel besser.“ In Zeiten des Klimawandels würden die Kleingärten als Lebensraum für Wildbienen wichtiger, erklärte Saure. „Hier wird bewässert, und es blüht das ganze Jahr über etwas.“ Er gab aber auch Hinweise, wie Kleingärtner den bedrohten Arten konkret helfen können. „Die Wildbienen brauchen in erster Linie Nistplätze“, betonte Saure. Und damit seien nicht nur Insektenhotels gemeint, sondern auch entsprechende Refugien am Boden – denn dort niste die Mehrzahl der Wildbienenarten.


Hilfe für bedrohte Wildbienen

Dr. Christoph Saure empfiehlt Gärtnern folgende Maßnahmen, um das Vorkommen von Wildbienen zu fördern:

Erhalt vonAnlage vonVerzicht auf
Alt- und TotholzBlumenwiesen, krautigen Säumen
Holzschutzmittel
trockenen Pflanzenstengeln
Steinhaufen
Insektizide und Herbizide
Wildkräuterflächen
Grün- oder Schilfdächern
Bodendeckung mit Mulch, Häcksel oder Kies außerhalb von Gemüsebeeten

Nisthilfen


Praktische Aufklärung für Kleingärtner
In einer abschließenden Diskussionsrunde wurde nochmals ein Gesamtbild entworfen, wie Kleingärten „Teil der Lösung für Berlin“ werden und was sie zu einer lebenswerten Stadt beitragen können. Zu den drei Referenten gesellten sich dabei Marion Platta von der Linken, Präsident Michael Matthei und Landesgartenfachberater Sven Wachtmann, die Fragen stellte der Journalist und RBB-Moderator Hellmuth Henneberg. Sven Wachtmann betonte die Bedeutung der Gartenfachberatung als „Arbeit an der Basis“: „Wir möchten, dass die Kleingärtner noch naturnäher arbeiten, und da ist weiterhin Aufklärungsarbeit gefragt, wie man das praktisch umsetzt.“

Trotz aller guten Ansätze und Erfolge – angesichts der zunehmenden Umweltgefahren müssen alle noch „eine Schippe drauflegen“, da waren sich die Teilnehmer einig. „Wir vom Vorstand wissen, dass wir noch viele Dinge umzusetzen haben“, sagte abschließend Michael Matthei. „Dazu brauchen wir die Hilfe unserer Partner, und wir brauchen natürlich Eure Hilfe, die Unterstützung der Kleingärtner auf den 70.000 Parzellen in dieser Stadt.“


Bericht von Klaus Pranger

(Redaktion Berliner Gartenfreund)


Der Artikel ist in der März-Ausgabe 2020 der Verbandszeitschrift Berliner Gartenfreund erschienen und mit freundlicher Genehmigung des Verlags W. Wächter auch hier. 


Fotos: 

"Beim 17. Fachforum im...": M. Kwart

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