Bezirksverband der Kleingärtner Berlin-Wilmersdorf e. V.

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Verfasst am 29.04.2021 um 14:40 Uhr

Kleingärtner tun was für Berlin     

Aktiv für die Stadt: Es engagieren sich Vereine, Verbände und Pächter    

Deckblatt: Verlag W. Wächter, Banner: Forum Stadtgärtnern.

Das März-Heft des 'Berliner Gartenfreund' beinhaltet einen Sonderteil mit einer Auswahl an besonderen Gärten aus allen Bezirken. Sie stehen beispielhaft für viele weitere Kleingärten, deren Pächter*innen und Nutzer*innen aktiv für sich, für ihren Verein und damit auch für ihre Stadt sind. Lesen Sie hier den Einführungsartikel vom Verlag W. Wächter. 


Gärtnern in der Großstadt – das ist für Berlins Kleingärtnerinnen und Kleingärtner nicht nur ein Trend, sondern eine lange Tradition. Seit mehr als 150 Jahren sind die Gartenfreunde zwischen Spandau und Köpenick, zwischen Pankow und Steglitz aktiv in ihren Parzellen, Vereinen und in ihrer Stadt. Laubenpieper sind keine Einzelgänger, sondern setzen sich ein für die Gemeinschaft und die Allgemeinheit – das gilt heute mehr denn je. Denn die Gartenpächter wissen, dass ihre grünen Parzellen ein wertvolles Gut sind. Sie dienen nicht nur der Freizeitgestaltung, sondern können der Stadt in vieler Hinsicht Nutzen bringen. Sie sind Kühlaggregate und Feuchtigkeitsspender für die aufgeheizte Stadt, sie sind Refugien für bedrohte Tier- und Pflanzenarten, sie sind Bildungsorte und Experimentierfelder für Kinder und Erwachsene, sie sind Treffpunkte für verschiedene Bevölkerungsgruppen und Generationen, sie liefern frische Luft, Bewegungsfreiheit und gesunde Lebensmittel – kurz: sie sind ein unersetzlicher Teil des Stadtgrüns in Berlin. „Kleingärten zahlen ein in das Stadtkapital, in die grüne Infrastruktur Berlins, sie sind ein unverzichtbarer Faktor der städtischen Lebensqualität“, sagt Dr. Fritz Reusswig, Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).


Kleingartenpanorama. Foto: JVM

Klima

In Berlin wird es heiß und trocken. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Klimawandel dramatische Folgen für das Leben in der Großstadt hat. Das Wetter wird extremer, die Durchschnittstemperaturen steigen, auf lange Trockenperioden folgen teils verheerende Niederschläge. Ende 2019 hat der Berliner Senat die Klimanotlage ausgerufen, Maßnahmen gegen die Erderwärmung und zum Klimaschutz sollen oberste Priorität haben. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Stadtgrün, denn eine durchgrünte und für Wasser durchlässige Stadt ist besser gegen Hitze und Wetterextreme gewappnet. Den Kühlungseffekt von Kleingartenanlagen in dichtbesiedelten Umgebungen haben Anwohner bereits schätzen gelernt: „Wenn wir im Sommer abends unsere Beete gießen, macht das ganze Wohngebiet die Fenster auf“, sagt Thomas Koch, 2. Vorsitzender der Kolonie Eschenallee in Tempelhof.


Der Landesverband Berlin der Gartenfreunde hat 2018 die Kampagne „Klimagärten“ ins Leben gerufen. Dabei wurde mit dem PIK und anderen Wissenschaftlern untersucht, welchen Effekt Kleingärten für das Stadtklima haben. Auch der Senat stellt in seinem Kleingartenentwicklungsplan fest, dass über 95 % der Kleingartenanlagen als Kaltluftgeneratoren besonders schutzwürdig sind. Andere Studien haben ermittelt, dass die Böden in den Berliner Kleingärten deutlich mehr klimaschädliches Kohlendioxid gebunden halten als andere Grünflächen.


Die Gartenfreunde arbeiten daran, den positiven Klimaeffekt ihrer Parzellen noch weiter auszubauen. Alle Pächter sind vom Landesverband dazu aufgefordert, auf torfhaltige Erde zu verzichten. Im Projekt „Grüne Klimaoasen“ in Marzahn-Hellersdorf wurde seit 2017 darüber informiert, wie Kleingärten Verdunstungskapazität, Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens und Luftzirkulation steigern können. Die KGA Am Forsthaus im Marzahn hat nach diesen Gesichtspunkten ihre Gemeinschaftsfläche zu einem Klimagarten umgestaltet, der mit Senatsmitteln unterstützt wurde (Bild 1). Die KGA Treptows Ruh hat, ebenfalls mit Senatsunterstützung, einen Klimaschaugarten eingerichtet, und auch die KGA Grüne Aue in Schöneberg arbeitet an einem Klimaschaugarten mit Wetterstation.


Kleingartenanlage mit viel Leben im und am Teich. Foto: Marion Kwart

Artenvielfalt

Nirgendwo in Deutschland ist die tierische und pflanzliche Artenvielfalt größer als im Großstadtdschungel – solange es dort Kleingärten gibt! Die gebietsheimischen Pflanzen, die hier angebaut werden, stärken die biologische Vielfalt, denn sie bieten einer unüberschaubaren Zahl von Insekten und anderen Tieren Brutstätte, Nahrung und Schutzraum.


Um die Artenvielfalt zu stärken, unterstützt der Landesverband in Zusammenarbeit mit der Stiftung Naturschutz Berlin den Anbau insektenfreundlicher Bepflanzung. Mit der gemeinsamen Saatgutaktion „Mehr Arten im Garten“, gestartet Ende 2019, werden vormals triste Rasenstücke, vegetationslose Randstreifen oder „pflegeleichte“ Gemeinschaftsflächen nun zum Lebensraum für nützliche Bestäuber wie Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge. Ein ähnliches Ziel, aber mit dem Schwerpunkt Flora, verfolgt das Projekt „Tausend Gärten – Tausend Arten“, zu dem der Landesverband eine Kooperation mit der Deutschen Gartenbau Gesellschaft 1822 plant.

Die Erhöhung der Artenvielfalt haben etliche Anlagen zum Programm erhoben. Sie betreiben zum Teil erheblichen Aufwand, um in ihren naturnahen Gärten Flora und Fauna neu anzusiedeln. Auch der Bezirksverband Schöneberg-Friedenau geht mit seinem Fachgarten, der viele Möglichkeiten zum Schutz der Tier- und Pflanzenwelt aufzeigt, mit gutem Beispiel voran. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Naturschutz und der Landesverband der Gartenfreunde unterstützen alljährlich besonders attraktive Projekte des Natur- und Umweltschutzes in den Kleingartenanlagen der Stadt.


Kleingärten sind Heimat für viele seltene oder gar bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Streng geschützte Orchideen, Kröten, Eidechsen, Vögel oder Fledermäuse können sich hier ungestört zurückziehen und vermehren. Die Pflege ihrer Biotope lassen sich die Gartenfreunde einiges an Arbeit und Geld kosten – sehr zur Freude ihrer Gäste und belohnt mit Anerkennung durch die Fachwelt: Für die Wiederbelebung des Pfuhls im Herzen ihrer Anlage erhielt die Projektgruppe der Weißenseer KGA Heinersdorf im Jahr 2019 sogar den Berliner Naturschutzpreis.


Gärten haben viele Fans. Foto: Elke Binas

Öffnung

Nicht jedem, der sich wünscht, in Berlin einen Kleingarten bewirtschaften zu dürfen, wird dieses Glück auch zuteil. Neben genügend Zeit für das Hobby scheitert es vor allem am begrenzten Angebot an Gärten: Mit Beginn der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr schnellten die Bewerberzahlen noch einmal in die Höhe.


Doch auf das kleine Glück im Grünen muss kein Großstädter verzichten: Gern öffnen Berlins Kleingärtner die Tore ihrer Anlagen und die Türen ihrer Parzellen und laden die Nachbarschaft zu sich ein. In herrlicher Natur können die Anwohner dann spazieren gehen, im Schatten eines Obstbaumes lesen oder den Vögeln lauschen und dabei spüren, welch Gewinn an Lebensqualität so eine Anlage im Wohnumfeld doch darstellt.


Kleingärtner sind gastfreundliche Menschen, und so haben die Vereine viele Ideen entwickelt, noch mehr Besucher in ihren Anlagen begrüßen zu dürfen. Sie laden zu Festen ein und öffnen ihre Spielplätze auch für die Kinder aus der Nachbarschaft. Sie stellen Kitas und Schulen Hochbeete und Gartenland zur Verfügung und unterstützen sie beim Anbau und der Pflege von Kräutern, Gemüse oder Erdbeeren. Auch die Erwachsenen sind willkommen: In Schau- und Lehrgärten und auf Gemeinschaftsbeeten können sie sich als Gärtner ausprobieren und mit Experten fachsimpeln. Auf ausgeschilderten Rundwegen lernen sie die Natur vor ihrer Haustür von einer neuen Seite kennen – erfahren von alten Obstbäumen wie in der Treptower KGA Vogelsang 1, schärfen ihre Sinne für die Tier- und Pflanzenwelt des einzigartigen Feuchtbiotops in der KGA Naturfreunde Köpenick, werden quasi im Spaziergehen durch die Spandauer KGA Waldfrieden auf einen Fitnesspfad geführt oder lernen in der Wilmersdorfer Kolonie Am Stadtpark I mehr über die Geschichte der Gartenlaube.


Als sei dies alles nicht bereits Lohn genug, werden die Gäste von den Kleingärtnern auch noch reich beschenkt: Naschhecken, Kräuterinseln und Obstbaumalleen bieten kleine Kostproben gärtnerischen Geschicks. Mit „Obst für Alle“ beispielsweise hat die Charlottenburger Kolonie Habsburg Gaußstraße diesen Aspekt der Teilhabe sogar zum Programm ihrer Anlage gemacht. Vielerorts legen Kleingärtner auf Geschenketischen einen Teil ihrer überreichlichen Ernte ab mit der Einladung an Anwohner und Passanten, sich am kostenlosen Obst und Gemüse in feinster Bio-Qualität zu bedienen.

Besondere Höhepunkte sind gemeinsame Veranstaltungen: Beim Langen Tag der Stadtnatur beispielsweise sind stets auch Kleingärtner mit von der Partie, bieten Vorträge und Mitmachaktionen, Lesungen, Musik und Kunst – und verleihen so der dauerhaft gültigen Einladung in ihre Anlagen zusätzlichen Nachdruck.

Der Berliner Senat unterstützt die Öffnungsbestrebungen und hat aus diesem Grund im vergangenen Jahr die sogenannte Mehrfachnutzung in der Hellersdorfer KGA Dahlwitzer Straße und der Kolonie Freiheit in Neukölln zum Pilotprojekt erklärt und auch für die Zukunft Unterstützung zugesagt (siehe Seite 3/12 im März-Heft 2021).


Naturerleben in Kleingartenanlagen: Sehen, riechen, fühlen - und erfahren was!  Foto: Marion Kwart

Bildung

Das Ausbildungsjahr 2019 brachte einen Rekord: 82 neue Gartenfachberaterinnen und Gartenfachberater wurden vom Landesverband der Gartenfreunde ausgebildet, so viele wie nie zuvor. In einem dreitägigen Seminar ging es um Pflanzenschutz, Bodenkunde, Obst- und Gemüseanbau, Naturschutz. Jetzt geben die zertifizierten Fachberaterinnen und Fachberater ihr Wissen in den Vereinen weiter.


Auf diesen Sachverstand setzt inzwischen auch die Politik. „Wir haben in dieser Stadt 375.000 Kinder, von denen viele gar nicht wissen, was ein Garten ist.“ Diese bedrückende Feststellung macht Isabell Simonsmeier, Referentin in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. In den Kleingärtnern sieht sie wichtige Verbündete, um diese Wissenslücke zu füllen. Viele Vereine stellen sich bereits dieser Verantwortung und haben Kinderparzellen eingerichtet, oft in Zusammenarbeit mit Kitas und Schulen. Unter anderem sind das die Steglitzer Kolonie Abendruh oder die Lichtenberger KGA Biesenhorst II. Die KGA Harztal/Wilde Rose aus Neukölln bietet der benachbarten Schule an, die Hälfte ihres Gemeinschaftsgartens für den Unterricht zu nutzen. Auch in der KGA Freies Land in Weißensee hat die benachbarte Schule einen Schulgarten.


Zum Wissenstransfer für Erwachsene lädt regelmäßig die KGA Plötzensee ein. Im vergangenen Jahr hat der Verein – wie etliche andere auch – die Ausstellung „Giftfreies Gärtnern“ der Grünen Liga nach Wedding geholt. Dieses Jahr wird im Vereinshaus die Kampagne „Gardens For Future“ vorgestellt. Der Landesverband Berlin der Gartenfreunde baut am Spandauer Damm einen barrierefreien Lehr- und Schaugarten. Zukünftige Gartenfachberater und andere Interessierte sollen hier bald geschult werden.


Bei der Schreberjugend wird gebastelt. Foto: Marion Kwart

Soziales

Kleingartenanlagen sind mehr als Grünanlagen – sie sind Vereine und damit auch soziale Organisationen, die für viele Gartenfreunde Gemeinschaft und Zusammenhalt bieten, oft über Jahrzehnte. Das gemeinsame Interesse an der Grünarbeit verbindet Menschen unterschiedlichster Herkunft, Stellung und Orientierung, Frauen und Männer, Alte und Junge. Kleingartenvereine sind Spiegelbilder der Gesellschaft im Kleinen, und oft kommen hier Menschen zusammen, die sich im Beruflichen oder Privaten sonst nicht unbedingt begegnen würden.


Insofern helfen die Vereine, Grenzen zu überwinden und Integration zu fördern. Die ethnische Mischung in den Berliner Kolonien ist so bunt wie in der ganzen Stadt – oder sogar noch bunter. In Reinickendorf beispielsweise haben 40 % aller Gartenfreunde einen Migrationshintergrund. Seit 2017 gehört der Landesverband dem „Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin“ an, einem Zusammenschluss von zahlreichen großen Verbänden und Religionsgemeinschaften.


In der KGA Alpental in Tempelhof gibt es seit einigen Jahren einen Integrationsbeau ragten, um das Miteinander von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft zu gestalten. Mehrere Vereine veranstalten „Multi-Kulti-Feste“, um die Vielfalt in den eigenen Reihen zu präsentieren und zu feiern, so die KGA Sommerheim in Schöneberg und die KGA An der Rodelbahn in Steglitz.


Natürlich macht soziale Verantwortung nicht am Koloniezaun halt. Viele Gartenfreunde engagieren sich für Benachteiligte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in ihrer Nachbarschaft . Seit vielen Jahren laden die Bezirksverbände Lichtenberg, Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf behinderte Kinder zum Apfelfest ein (Bild 3). In der KGA Zukunft haben Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen eine Parzelle zum Gärtnern bekommen, in der KGA Bachespe Senioren, in der Weddinger Kolonie Nordpol II Menschen mit Behinderung und in der KGA Freie Stunde Geflüchtete.


Zahllose Vereine und fast alle Bezirksverbände organisieren jährliche Spendenaktionen für soziale Projekte. Die Spandauer Kolonie Schlangengraben beschenkt mehrmals im Jahr die Kinder eines benachbarten Flüchtlingsheims, der Bezirksverband Hellersdorf unterstützt mit den Spenden seiner Mitglieder das Kinderhospiz der Björn-Schulz-Stiftung.


Gemüse aus dem eigenen Garten. Foto: Landesverband Archiv.

Gesundheit

Gesundheit und Kleingarten gehören schon seit 200 Jahren zusammen. In Berlin richtete der Magistrat bereits im Jahr 1833 „Armengärten“ ein, wo die Menschen für wenig Geld eine gesunde Ernährung finden konnten. Die Arbeit im eigenen Garten wurde ein wichtiges Mittel gegen die Tuberkulose, die in den überfüllten Mietskasernen grassierte. Bewegung, Licht und frische Lu entfalteten eine heilsame Wirkung. Und das ist bis heute so: Gartenarbeit stärkt das Herz-Kreislauf-System, fördert die Durchblutung und befreit die Lunge. Die KGA Falkenhöhe-Nord setzt dem Thema Bewegung noch eins drauf und veranstaltet seit 25 Jahren den Hohenschönhausener Gartenlauf mit Hunderten von Teilnehmern (Bild 4).


War es für Kleingärtner wichtig, möglichst viel Obst und Gemüse zu ernten, damit die Familie satt wurde, steht heute die Qualität der Lebensmittel im Vordergrund. Dank ihres Gartens haben auch Familien mit einem kleinen Einkommen Zugang zu Nahrungsmitteln in Bio-Qualität. Wer gesunde Lebensmittel ernten will, muss ökologisch und nachhaltig wirtschaften. Viele Kleingärtnerinnen und Kleingärtner tun das auch inzwischen: Gedüngt wird mit Kompost, Schädlingen geht es mit natürlicher Jauche an den Kragen. Nach diesen Prinzipien bewirtschaften beispielsweise die Pächter der Öko-Kleingartenanlage Wildkraut ihre Gärten.


Für gesunde Nahrung setzt sich auch der Bezirksverband Lichtenberg ein. Er kooperiert dazu mit Schulen und Ernährungsaktivisten. Das erklärte Ziel: „Wir möchten Lichtenberg in einen essbaren Bezirk verwandeln.“


Verlag W. Wächter, Berliner Gartenfreund, März-Ausgabe 2021, Seite 3/8 bis 3/11